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Zwischen Mut und Ungewissheit
Donnerstag, 14. Januar 2010

TRIESEN - Die Wirtschaft verschiebt Investitionen und für die Autoindustrie wird 2010 ein «Darwin-Jahr» sein. Die Industriezulieferer trifft die Krise hart. Dazu Magnus Tuor, Präsident der Wirtschaftskammer-Sektion Gewerbliche Industrie.

«Volksblatt»: Herr Tuor, die Prognosen für die Automobilzulieferer gehen von einer Marktbereinigung aus. Wie sehen die Industriezulieferer in die Zukunft?
Magnus Tuor:
Sie machen sich gefasst auf ein äusserst schwieriges Jahr 2010. Ab dem Sommer brachen die Aufträge fast überall ein, im Durchschnitt um etwa 30 Prozent. Kunden stornierten oder verschoben Projekte auf unbestimmte Zeit. Ein Problem ist, dass sich Planungen laufend ändern und wir mittelfristig einfach nicht wissen, wo die Reise hingeht. Andererseits wird das Tempo immer schneller, in dem wir auf neue Anforderungen reagieren müssen.

Automotive erweist sich in der Krise als Klumpenrisiko für den Wirtschaftsstandort?

Tatsache ist, dass die Krise fast alle Branchen der Wirtschaft erfasst hat. Ausnahmen sind etwa die Bauwirtschaft und die Pharmaindustrie. Natürlich bekommen die Autozulieferer die Autokrise bitter zu spüren. Umsatz und Gewinn sind eingebrochen. Aber ein Klumpenrisiko sehe ich nicht. Die Mitglieder der Wirtschaftskammer-Sektion Gewerbliche Industrie sind breit aufgestellt und gut diversifiziert. Darunter finden sich Maschinen- und Apparatebauer, Zulieferer für die Flugzeugindustrie und die Medizinaltechnik. Vor Jahren schon haben die Zulieferbetriebe gemerkt, dass sie sich nicht darauf verlassen dürfen, ausschliesslich als verlängerte Werkbank der Grossen zu arbeiten. Sie haben Know-how aufgebaut und Technologien entwickelt, die die Grossen brauchen. Zulieferer sind heute viel eigenständiger als früher.

Gegenüber den «Hidden Champions» in Deutschland sind die liechtensteinischen Zulieferer Kleinstbetriebe. Wie halten die ihre Marktposition?

Sie sind Spezialisten in Nischen. Unsere Zulieferer sind innovativ und haben in der Vergangenheit in neue Technologien und Know-how investiert.

Die Pleitewelle unter den deutschen Automobilzulieferern hat auch Grossunternehmen erfasst. Haben liechtensteinische Industriezulieferer Insolvenz anmelden müssen?
Mir ist bislang kein Fall bekannt. Und ich hoffe, dass es auch nicht so weit kommen muss.

Gewerbliche Industrie, das sind Industriezulieferer für Verbrauchsgüter - wie etwa die Autozulieferer - und Investitionsgüter. Beide sind vom Export abhängig. Wie weit hat die Wirtschaft in den westlichen EU-Ländern ihre Investitionen schon gedrosselt?
Schon im Frühsommer wurden die Investitionen drastisch zurückgefahren. Eine nachhaltige Besserung ist nicht in Sicht. Hie und da werden Investitionen freigegeben, dann allerdings auf tiefem Niveau. Investitionsentscheidungen werden in die Zukunft verlagert - eine Reaktion auf den Einbruch der Nach
frage und schwache Anlagenauslas- tungen. Machen wir uns nichts vor: Es gibt erhebliche Überkapazitäten in vielen Bereichen.

Einige Zulieferer haben Kurzarbeit angemeldet. Eine Dauerlösung ist das freilich nicht ...

... wäre ich Hellseher ... Im Moment spüren wir die vollen Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise, Kurzarbeit ist ein Instrument, um Facharbeiter zu halten. Doch nicht überall konnte Kurzarbeit Entlassungen verhindern. Auch unser Unternehmen musste sich von Mitarbeitern trennen. Ich schliesse bei der gewerblichen Industrie einen weiteren Abbau zum jetzigen Zeitpunkt nicht aus, wenn sich die Wirtschaftslage nicht bald bessert.

Je länger die Kurzarbeit dauert, umso weniger sind die Unternehmen gefordert, ihre Probleme anders zu lösen - etwa durch neue Produkte, neue Märkte oder Restrukturierungen. Was beobachten Sie?

Das sehe ich ganz anders. Unsere Zulieferbetriebe wissen sehr genau, welche Hausaufgaben sie jetzt machen müssen. Sie hinterfragen und verbessern Prozesse und nutzen die Phase der Kurzarbeit zum Beispiel für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Die allermeisten setzen jedes Instrument ein, um sich für die Zukunft zu rüsten.

Forschung und Entwicklung - können sich das noch alle Industriezulieferer leisten?

Das ist ein wirklich kritischer Punkt. Aus Ideen marktfähige Produkte zu entwickeln - das ist ein langer Prozess, der finanziert sein will. Innovationen kosten einfach Geld. Die Liquidität ist der Sauerstoff jedes Unternehmens, doch Reserven reichen nicht unendlich weit. Viele kämpfen zurzeit mit diesem Problem.
Die VP Bank arbeitet seit diesem Jahr mit der Wirtschaftskammer zusammen, um kleinen und mittleren Unternehmung die Finanzierung leichter zu machen ...
... diese Zusammenarbeit ist Gold wert. So können Kleinbetriebe auch Aufträge annehmen, die sie sonst mangels Eigenkapital hätten ablehnen müssen. Andere Zulieferer brauchen Geld, um neue Produkte zu entwickeln. Die positive Haltung der VP Bank unterstreicht zudem, wie wichtig KMUs für die Wirtschaft sind.

Fehlende Facharbeiter - wie gehen die 53 GIL-Mitglieder damit um?

Das bleibt ein Thema, auch wenn es im Augenblick etwas in den Hintergrund gerückt ist. Wichtig ist jetzt, die Fachspezialisten mit allen Mitteln an Bord zu halten. Wenn sich die Wirtschaft wieder erholt, dann brauchen wir sie wieder dringend.

Wenn Sie die Lage von vor einem Jahr mit heute vergleichen - was alles hat sich für die Industriezulieferer verändert?

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sie stark verunsichert. Zurzeit schwanken die meisten zwischen Mut und Ungewissheit. Unsere Region verzeichnete in den letzten Jahrzehnten ein ziemlich konstantes Wachstum. Wir dachten, nichts könnte die Region schwächen. Jetzt kränkeln die Motoren, selbst in Dubai stehen die Baustellen still. Das muss man erst einmal verkraften.

Über die Runden kommen ist eine Sache - wird es einen Strukturwandel in der gewerblichen Industrie geben?

Das halte ich nicht für notwendig. Jetzt geht es wirklich erst einmal darum, über die Runden zu kommen und sich für die Zukunft zu rüsten.

Überall wird mit markigen Worten der Werkplatz Liechtenstein bestärkt. Was wünschen Sie sich von der Politik in dieser Krisenzeit?

Dass Politiker und Amtsstellen unbürokratisch und schnell handeln. Und dass sie auch den Mut zu unkonventionellen Entscheidungen und besonderen Lösungen aufbringen. Dafür gibt es schon Beispiele, doch braucht es mehr davon. Ausserdem müssen Massnahmen der freien Marktwirtschaft genutzt werden und der Kleinheit Liechtensteins entsprechen.

Gewerbliche Industrie
Die Sektion Gewerbliche Industrie GIL ist eine von 28 Sektionen der Wirtschaftskammer Liechtenstein - für Gewerbe, Handel und Dienstleis-tung. 53 Unternehmen gehören der GIL, darunter viele Zulieferer für die Autoindustrie, aber auch Maschinen- und Apparatebauer, Messtechnikunternehmen, Zulieferer für die Flugindustrie und die Medizinaltechnik.

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