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Die Lage ist ernst
Magnus Tuor: Ohne Innovationen keine Zukunft – Finanzierung könnte Haken sein
Freitag, 23. Januar 2009

TRIESEN - Die Autoindustrie erwartet fünf düstere Jahre. Das trifft die Zulieferer ins Mark. Doch Liechtensteiner Firmen scheinen robust. Noch. Dazu Magnus Tuor, Präsident der Sektion Gewerbliche Industrie der Wirtschaftskammer.

Von Kornelia Pfeiffer


«Volksblatt»: Herr Tuor, wie ist die Stimmung unter den Industriezulieferern?

Magnus Tuor: Von gut bis gedrückt. Gut die Hälfte der Betriebe entwickelt und produziert Einzelteile oder Baugruppen für die arg gebeutelte Autoindustrie. Da hängen auch die meisten Arbeitsplätze dran.

 

Der Absatzeinbruch der Automärkte gefährdet Automobilzulieferer in ihrer Existenz?
Die Lage ist ernst, doch existenzgefährdend ist zu viel gesagt. Aber natürlich: Aus den Exportländern kommen täglich neue Hiobsbotschaften, dass die Märkte schrumpfen und der Absatz zurückgeht bei einem Abschwung wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Entwicklung ist sehr schwer abzuschätzen. Die erste Welle kam so überraschend und so schnell auf uns zu - und ich weiss nicht, wie kurz-, mittel- oder langfristig das alles sein wird.


Unter den deutschen Autozulieferern kursieren Namen von rund 80 Unternehmen, die am Jahresende vor der Insolvenz standen. Wie erging es der Gewerblichen Industrie Liechtenstein 2008?
Eigentlich gut. Die kleinen und mittleren Industriezulieferer haben fast durchwegs ihre Umsatzziele erreicht, und das auf hohem Niveau. Allerdings traf die weltweite Finanzkrise in den letzten Monaten 2008 die Realwirtschaft. Davon blieben dann auch die Zulieferbetriebe nicht verschont.

 

Unter den 53 GIL-Mitgliedern finden sich ausser Autozulieferern auch Maschinen- und Apparatebauer, Zulieferer für die Flugzeugindustrie und die Medizinaltechnik. Wie nervös sind die kleinen Unternehmer?
Wir sind vom Export abhängig. Besonders wichtig für unsere Mitglieder sind die westlichen EU Länder. Die täglich neuen negativen Berichte aus den Exportländern lassen uns immer wieder aufhorchen und machen schon nervös. Wir müssen von einer Stagnation ausgehen, im schlimmsten Fall wird auch die liechtensteinische Wirtschaft schrumpfen.

 

Wie steht es mit Aufträgen, Sparmassnahmen, Produktionsstopps, Kurzarbeit, Entlassungen?
Zur Sektion Gewerbliche Industrie Liechtenstein gehören Industriezulieferer in den Bereichen Investitionsgüter und Verbrauchsgüter. Wenn weniger Autos gebaut werden, braucht es zum Beispiel weniger Lenkräder, solche gekürzten Planzahlen bekommen die Verbrauchsgüter-Zulieferer direkt zu spüren. Kurzfristig lässt sich das mit Abbau von Ferien oder Überstunden und auch Sparmassnahmen auffangen - oder auch mit Kurzarbeit. Einzelne Unternehmen werden vielleicht auch Leute entlassen müssen. Vieles hängt davon ab, wie sich die Wirtschaftslage weiterentwickelt. Bei den Zulieferern von Investitionsgütern sieht die Lage zurzeit etwas besser aus. Bislang haben die Unternehmen ihre Investitionen in ihre Produktionsprozesse weder gestoppt noch aufgeschoben. Das aber dürfte sich mittel- bis langfristig ändern, wenn die Wirtschaft sich nicht wieder aufwärts entwickelt. Dann wird an Investitionen in Neuentwicklungen, Anlagen und Prozessen gespart werden.

 

Sind fehlende Facharbeiter damit erst einmal kein Thema mehr?
Keineswegs. Wir brauchen die Spezialisten auch in rezessiven Phasen. Wenn wir dieses wichtige Thema auf die lange Bank schieben, erweisen wir uns einen Bärendienst. Irgendwann wird sich die Wirtschaft erholen, wenn wir dann feststellen, dass wir die Entwicklung verpasst haben - das wäre katastrophal.

 

Wie gefragt sind Facharbeiter-Lehrstellen?
Nach der Berufsschau im Herbst 2008 haben sich junge Leute beworben - bei den Betrieben, die diese Plattform für technische Berufe genutzt haben. Jetzt hoffe ich nur, dass die schwierige Wirtschaftslage die positiven Eindrücke, die die jungen Menschen gewonnen haben, nicht wieder ins Wanken bringt.

 

Wird jetzt an Forschung und Entwicklung gespart?
Ich glaube nicht, doch das ist schwierig festzustellen. Das Problem ist eher die Finanzierung, nicht der Wille in Forschung und Entwicklung zu investieren. Doch ohne Innovationen gibt es für uns keine Zukunft.

 

Ein Appell auch an die Banken, bei Krediten grosszügiger zu sein?
Es ist einfach so: Wenn die Banken auf der Kreditbremse stehen, dann wird die Lage noch kritischer. Die Zulieferer brauchen Geld, um die Produktion weiterzuführen und neue Produkte zu entwickeln. Wollen sie nicht irgendwann hinterherhinken, müssen sie in neue Maschinen investieren. Das kostet gleich einmal einige 100 000 Franken. In den letzten zwei intensiven Boomjahren sind in den Betrieben Dinge oft auch liegen geblieben, die aufgearbeitet gehören. Mitarbeiter brauchen Schulungen. Die Unternehmen könnten die schwächere Auftragslage nutzen, um Prozesse zu hinterfragen und zu verbessern. Doch für all das brauchen sie Kapital - in Form von Krediten oder eines Innovations-Fonds oder Leasing als Finanzierungsalternative.

 

Umwelt- und Energietechnologie ist ein Thema der Zukunft. Ein neues Feld für Liechtensteiner Unternehmen?
Es gibt bereits Unternehmen, die sich mit dem Thema befassen. Dass die Betriebe aber dafür der industriellen Produkt- und Produktionstechnik den Rücken kehren, das sehe ich nicht. Unsere Unternehmen sind breit aufgestellt und haben grosses Know-how im industriellen Bereich. Sie besetzen Nischen, wo ganz spezielle Technologien gefordert sind.

 

Machen Grossunternehmen jetzt wieder selbst, was sie vor der Krise an Zulieferer ausgelagert haben?
Nein, bis jetzt sieht es nicht danach aus. Die Grossunternehmen können nicht einfach so auf das Wissen und die grosse Erfahrung verzichten, die sich die Zulieferbetriebe aufgebaut haben. Besondere Technologien lassen sich nicht einfach mal so hin- und herschieben. Bei Dienstleistungen mag das anders aussehen.

Das Rheintal ist ein Nest kleiner starker Technikunternehmen. Wie sehr hängen die am Tropf der Grossen?
Die Verbindung zwischen unseren Kunden im In- und Ausland ist zwangsläufig eng. Aber am Tropf hängt niemand. Vielmehr ist es eine über Jahre gewachsene Partnerschaft. Vor Jahren schon haben die Zulieferbetriebe gemerkt, dass sie sich nicht darauf verlassen dürfen, ausschliesslich als verlängerte Werkbank der Grossen zu arbeiten. Sie haben Know-how aufgebaut und Technologien entwickelt, die die Grossen brauchen. Zulieferer sind heute viel eigenständiger als früher.

 

Was plant die GIL, um ihren Mitgliedern zu helfen?
Wir als Sektion und die Wirtschaftskammer als Verband stehen unseren Mitgliedern immer zur Seite. Pläne oder Szenarien jedoch haben wir bis jetzt keine entwickelt. Aber wir unterstützen die Mitglieder dabei, Netzwerke zu finden und sich mit ihren Erfahrungen einzubringen.


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